Der eigene Kiez als Klassenzimmer

„Schule sollte kein alltagsfremder Raum werden.“ Das haben die Berliner Dialogmoderatoren Fadl Speck und Max Behrendt im Rahmen ihrer Arbeit an der Otto Hahn Schule in Berlin-Neukölln festgestellt. Dort führten sie Anfang August mit SchülerInnen der Jahrgangsstufe 12 und 13 eine Projektwoche zum Thema ‚Kommunalpolitik‘ durch – und lernten, wie wertvoll die Übersetzung von abstrakten Themen in konkrete Beispiele im eigenen Kiez sein kann
– ein Text von Max Behrendt

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Schule sollte kein Alltagsfremder Raum werden. Die reale Auseinandersetzung mit engagierten Menschen aus dem eigenen Kiez, das Kennenlernen ihrer Projekte, Ideale und Sichtweisen kann wertvolle Impulse liefern. Die Projektwoche zum Thema „Kommunalpolitik“ an der Otto Hahn Schule war der Versuch, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden. Anfang August hatten wir die Möglichkeit, einen Workshop an der Otto Hahn Schule mit SchülerInnen aus der Jahrgangsstufe 12 und 13 durchzuführen. Das zentrale Thema unseres Workshops war Kommunalpolitik, wobei wir unseren inhaltlichen Schwerpunkt auf den greifbareren Aspekt des lokalen zivilen Engagements gesetzt hatten.

Bereits bei der Planung der Projektwoche entstanden viele spannende Fragen, die es im Rahmen des Workshops mit den SchülerInnen zu klären galt. Die Fragen, die wir uns stellten, lauteten unter anderem:

Was für Möglichkeiten und Arten des zivilgesellschaftlichen Engagements gibt es bereits in Neukölln?
Wer bringt sich aus welchen Gründen ein und welche lokalen Konflikte und Herausforderungen entstehen/existieren dabei?
Können durch lokale Projekte und zivilgesellschaftliche Partizipation Impulse entstehen, die so nicht von der etablierten Politik erzeugt werden können?
Welche Probleme und Potentiale sehen unsere Jugendlichen, wenn sie die Situation in ihrem Kiez reflektieren?

Um diesen und weiteren spannenden Fragen nachzugehen, war in den ersten Projekttagen eine intensive Auseinandersetzung mit Themen wie Heimat, Zugehörigkeit und Identität notwendig. Ein Gefühl der Verantwortung und ziviles Engagement für einen Ort entsteht vor allem dann, wenn man sich dort zugehörig und willkommen fühlt. Für die SchülerInnen, mit denen wir bei „Dialog macht Schule“ arbeiten, sind Themen wie Heimat und Zugehörigkeit oft sehr zentral, da sie sich durch die Migrationsbiographien ihrer Familien verschiedenen Orten und Kulturen zugehörig fühlen.

Im Rahmen der Projektwoche wollten wir uns diesen Themen jedoch nicht nur durch Gespräche annähern, sondern den Kiez aktiv erleben, dort angesiedelte Projekte und Menschen besuchen und ihre Geschichten und Gesichter besser kennenlernen.

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Wer bin ich – und wenn ja wie viele?

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und Herkunft wurde zum zentralen Thema des ersten Abschnitts unserer Projektwoche: Was ist Heimat und wie dehnbar ist dieser Begriff? Wo sehen die Jugendlichen ihre Wurzeln? Wer definiert eigentlich, was deutsch ist und was nicht? Wie stehen die SchülerInnen selbst dazu?

Es entstanden sehr intensive, spannende und emotionale Gespräche. Viele der Jugendlichen fühlten sich weder in den Herkunftsländern ihrer Eltern, noch in Deutschland „richtig“ zu Hause. Es bestand viel Unsicherheit und Zweifel darüber wo  man sich selbst verorten würde. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, welch ein enormer Reichtum an verschiedenen (kulturellen) Perspektiven, Sprachen und Wissen die Jugendlichen mitbringen. Letztendlich einigten sich dann aber doch alle auf einen gemeinsamen Nenner, bezüglich ihrer Herkunft: Berlin-Neukölln.

Aufbauend auf diesem ersten Schritt haben wir gemeinsam analysiert, vor welchen Herausforderungen, Chancen und Problemen Neukölln als ein sich wandelnder und schnell wachsender Kiez steht. Wie geht die lokale Politik mit sensiblen Fragen wie Migration oder der Aufnahe von Flüchtlingen um? Welche Perspektiven bestehen für Jugendliche in Neukölln nach ihrem Schulabschluss? Welche Chancen und Zukunftspotentiale bietet das Viertel Neukölln als kultureller Schmelztiegel Berlins? Was ist die Perspektive der Jugendlichen auf Kriminalität und Arbeitslosigkeit? Und vor allem: Wie kann eine aktive zivilgesellschaftliche Beteiligung im Rahmen dieser Herausforderungen, Chancen und Konflikte aussehen?

Mit dieser theoretischen Grundlage im Gepäck waren wir am folgenden Tag bereit zivilgesellschaftliche Organisationen in Berlin-Neukölln zu besuchen und uns ihre Arbeit genauer anzugucken.

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Raus in die Praxis

Mit der Organisation „Gangway“ besuchten wir ein Projekt, das unter anderem Jugendliche betreut, die Drogenprobleme und/oder eine kriminelle Laufbahn hinter sich haben. „Gangway“ versucht den Jugendlichen zu helfen, wieder in einen normalen Alltag zurück zu finden und sich eine zweite Chance zu erarbeiten. Im Rahmen unseres Besuchs haben die Jugendlichen die Arbeitsweise und den Ansatz des Projektes kennen gelernt. Gleichzeitig haben die Sozialarbeiter einige ihrer Arbeitsmethoden vorgestellt und sie für unsere Jugendlichen in der Praxis erfahrbar gemacht.

Besonders spannend war die in diesem Zusammenhang die sogenannte „Tauschübung“: Die Schülerinnen mussten sich in zweier Teams zusammenfinden und hatten, lediglich ausgerüstet mit einer Flasche Wasser und einem Apfel, die Aufgabe, sich im umliegenden Kiez andere (im Optimalfall natürlich höherwertige) Gegenstände ‚zu ertauschen’. Dafür hatten die SchülerInnen insgesamt eine Stunde Zeit. Die Ergebnisse dieser Übung haben selbst unsere kühnsten Erwartungen übertroffen: Neben einem vier Meter langen Teppich, mehreren Büchern, einem elektronischen Massagegerät und vorzüglichen Brötchen aus der angrenzenden Bäckerei schaffte es eine Gruppe, einen riesigen Fernseher zurückzubringen.

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Diese Übung war für alle Beteiligten eine äußerst beeindruckende Erfahrung, da sehr deutlich wurde, welch entscheidenden Einfluss ein positives und offenes Auftreten erzeugen kann. Die SchülerInnen waren überwältigt von den sehr positiven zwischenmenschlichen Erlebnissen und dem eigenen Erfolg. Dieser Eindruck wurde verstärkt durch die Tatsache, dass einige unserer SchülerInnen vorher von negativen Erfahrungen berichten konnten, welche alle den gemeinsamen Nenner aufwiesen, dass sie sich insbesondere von älteren Deutschen auf Grund ihrer Migrationsbiographie als nicht vollwertig zugehörig behandelt fühlten.  Für uns hat dieses tolle Erlebnis deshalb noch einmal in aller Deutlichkeit bestätigt, dass es der richtige Ansatz ist, die SchülerInnen immer mal wieder aus dem Raum Schule herauszuführen und Begegnungen zu ermöglichen.
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Zurück in die Schule: Was nehmen wir mit?

Am letzten Tag unserer Projektwoche haben wir die Erlebnisse gemeinsam reflektiert und eingeordnet. Es bestand der Raum, sich kritisch mit den besuchten Projekten auseinanderzusetzen und eigene Projektvorschläge zu formulieren. Sehr spannend war die Idee einer Gruppe, gemeinsam geführte Kieztouren anzubieten und dadurch einen neuen Blickwinkel auf Neukölln für Außenstehende anzubieten. Eine andere Gruppe hatte die Idee, eines Patenschaftsmodell an der Schule, bei dem ältere SchülerInnen als eine Art Mentoren jüngeren SchülerInnen Nachhilfe geben und sie auch in sonstigen Fragen beraten.

Insgesamt haben die SchülerInnen im Rahmen der drei Projekttage großes Interesse, Engagement und Kreativität an den Tag gelegt. Wir waren sehr beeindruckt von der emotionalen Nähe und Offenheit, die sich im Verlauf der gemeinsamen Tage entwickelt hat. Gleichzeitig haben wir gemerkt, dass es sehr lohnenswert sein kann, mit neuen und zum Teil auch ungewöhnlichen Formaten zu arbeiten: Die Verzahnung von theoretischer Vorarbeit und dem anschließenden Kennenlernen der Praxis wurde von den SchülerInnen sehr positiv aufgenommen. Der Kiez kann die Schule als Raum des gemeinsamen Lernens selbstverständlich nicht ersetzen, wohl aber sehr sinnvoll ergänzen und breiter machen. Die Schule sollte in diesem Format als ein Labor der Ideen empfunden werden, in dem man sich mit aktuellen Themen auseinandersetzt und Stellung bezieht. Die Fragen und Thesen, die in diesem Labor entwickelt werden, können dann ‚hinaus auf die Straße’ getragen und überprüft werden.

Die SchülerInnen hatten in diesem Projekt das Gefühl, dass es um ihre Themen geht, dass sie ernst genommen werden und dass man ihnen Verantwortung überträgt. Wir wollen auch in Zukunft versuchen, Projekttage in dieser Form anzubieten, da wir davon überzeugt sind, dass nur durch echte Begegnungen neue Sichtweisen auf das nähere Umfeld, in diesem Fall der Kiez, erlangt werden können.